Querschnittlähmung

ICD-Code: G82

PrioPEG-Evidenz-Exposé

Dieses Evidenz-Exposé ist eines der Ergebnisse der im Projekt PrioPEG erfolgten Literatur-Recherche. Wir veröffentlichen hier einen konzentrierten Überblick über die gefundene Evidenz zu Effekten der Gruppentherapie bei der Indikation Querschnittlähmung.

Erklärung: Exposé und Ampelsystem

Das PrioPEG-Evidenz-Exposé ist strukturiert nach den drei Kriterien

  1. Wirksamkeit,
  2. Akzeptanz und
  3. Umsetzbarkeit

von Gruppentherapie für das genannte Krankheitsbild.

Zudem gibt das PrioPEG-Projektteam in einem 5-stufigen Ampelsystem eine klassifizierte Einschätzung zur Evidenz. Legende:

Gelb: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung von Gruppenbehandlung

Wo aufgrund der Evidenz-Lage keine qualifizierte Klassifizierung möglich ist, wird die Ampel in Grau dargestellt.

1. Wirksamkeit von Gruppentherapie

X
Aktivitäts- und mobilitätsbezogene Endpunkte: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung

3 von 4 randomisiert kontrollierten Studien untersuchten aktivitäts- und mobilitätsbezogene Endpunkte.

Froehlich-Grobe 2022 verglichen (1) eine Tele-Intervention mit virtuellen Gruppen-Meetings (60 min, 1x/Wo, 16 Wochen, Gruppengröße unklar, Anbieter unklar) bei 87 Personen (Ø 49 Jahre) mit einer Wartekontrollgruppe bei 81 Personen (Ø 51 Jahre). Die Personen hatten eine Querschnittslähmung. Die Inhalte der Gruppenmeetings waren u.a. Unterstützung von Verhaltensänderungen und Diskussionen zu den Inhalten der bereitsgestellte Webseite mit Informationen zu Selbstmanagement und Übugnen, zu denen auch z.B. Pedaltrainer und Theraband zur Verfügung gestellt wurde.

  • Effekte: Die Tele-Gruppenintervention verbesserte verglichen mit der Wartekontrollgruppe intensive körperliche Aktivität signifikant (International Physical Activity Questionnaire), jedoch nicht die moderate körperliche Aktivität, die Geh- oder Rollstuhl-Fahrzeit oder die wahrgenommenen Barrieren für körperliche Aktivität (Barriers to Health Adapted for People with Disabilities).
  • Methodische Schwächen (PEDro 7 von 10): Fehlende Verblindung, Abbrecherrate > 40 %.

Lighthall Haubert 2021 verglichen eine kombinierte Gruppenbehandlung aus Kraft- und Bewegungstraining, Edukation, Anleitung zum Heimtraining (120 min, 1x/Wo, 4 Wo, Gruppengröße unklar) und telefonisches Peer-Mentoring durch Betroffene bei 52 Personen mit einem traditionellen Kraft- und Bewegungstraining und Anleitung zum Heimtraining (2 Einheiten a 45 min) bei 48 Personen. Die Patient*innen (Ø 34 Jahre) hatten die Diagnose Paraplegie und nutzten einen manuellen Rollstuhl für mehr als 50% ihrer Fortbewegung.

  • Effekte: Die wöchentliche Häufigkeit von Schulterübungen unterschied sich zwischen den beiden Gruppen nicht signifikant.
  • Methodische Schwächen (PEDro 7): Fehlende Verblindung, keine Intention-to-treat-Analyse.

Worobey 2016 verglichen ein Rollstuhl-Nutzungs-Training in der Gruppe (u.a. Übungen zum Fahren, Drehen, Hindernisse überwinden und Transfer in und aus dem Rollstuhl, ambulant, 6-10 TN bei 2 Therapeut*innen, 90 min, 1x/Wo, 8 Wo) bei 55 Personen (Ø 40 Jahre) mit sozialem Austausch und Edukation in der Gruppe (2 Einheiten a 60 min) bei 59 Personen (Ø 41 Jahre). Die Personen waren Rollstuhlnutzende mit Querschnittslähmung (Tetra- oder Paraplegie).

  • Effekte: DasRollstuhl-Nutzungs-Training in der Gruppe verbesserte verglichen mit sozialem Austausch und Edukation in der Gruppe die Fähigkeiten zur fortgeschrittenen Rollstuhlnutzung signifikant, jedoch nicht die Basisfähigkeiten bei inhäusiger und aushäusiger Nutzung.
  • Methodische Schwächen (PEDro 8): Fehlende Verblindung. Abbrecherrate > 15 %.
X
Schmerzen: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung

1 von 4 randomisiert kontrollierten Studien untersuchte Schmerz als Endpunkt.

Lighthall Haubert 2021 (PEDro 7, näher beschrieben unter aktivitäts- und mobilitätsbezogene Endpunkte)

  • Effekte: Die Prävalenz von Schulterschmerzen unterschied sich in den Gruppen mit erweitertem traditionellem Kraft- und Bewegungs-Training nicht signifikant.
X
Physiologische Parameter: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung

1 von 4 randomisiert kontrollierten Studien untersuchte physiologische Parameter als Endpunkte.

Froehlich-Grobe 2022 (PEDro 7, näher beschrieben unter aktivitäts- und mobilitätsbezogene Endpunkte)

  • Effekte: Physiologische Parameter wie Blutdruck, Gewicht / BMI, Sauerstoffaufnahme (VO2 peak) und Leistungsfähigkeit (maximale Watt-Zahl) unterschieden sich in der Gruppe mit Tele-Gruppentherapie und der Wartekontrollgruppe nicht signifikant.
X
Kognitionsbezogene Endpunkte: Hinweise auf positive der Gruppenbehandlung

1 von 4 randomisiert kontrollierten Studien untersuchte kognitionsbezogene Endpunkte.

Froehlich-Grobe 2022 (PEDro 7, näher beschrieben unter aktivitäts- und mobilitätsbezogene Endpunkte)

  • Effekte: Die Patient*innen der Tele-Gruppentherapie hatten im Vergleich zur Wartekontrollgruppe signifikant bessere Ergebnisse beim zielorientierten Denken (State Hope Scale).
X
Andere Endpunkte: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung

2 von 4 randomisiert kontrollierten Studien untersuchten andere Endpunkte.

Froehlich-Grobe 2022 (PEDro 7, näher beschrieben unter aktivitäts- und mobilitätsbezogene Endpunkte)

  • Effekte: Die Tele-Gruppentherapie verbesserte im Vergleich zur Wartekontrollgruppe die Selbstwirksamkeit nicht (Self-Rated Abilities for Health Practices Scale).

Worobey 2022 verglichen ein Rollstuhl-Instandhaltungs-Training in der Gruppe (schonender Umgang mit dem Rollstuhl zuhause und regelmäßige Inspektion, ambulant, 4-7 TN bei 2 Therapeut*innen, 2 Einheiten a 120 min) bei 96 Personen (Ø 43 Jahre) mit einer Wartekontrollgruppe ohne Training bei 92 Personen (Ø 43 Jahre). Die Personen waren Intensiv-Rollstuhlnutzende mit nicht-fortschreitender Querschnittslähmung.

  • Effekte: Das Rollstuhl-Instandhaltungs-Training verbesserte verglichen mit der Wartekontrollgruppe ohne Training die Fähigkeiten und Aktivitäten zur Instandhaltung nicht signifikant.
  • Methodische Schwächen (PEDro 9): Fehlende Verblindung.

2. Akzeptanz von Gruppentherapie

X
Patient*innen: Hinweis auf gute Akzeptanz von Tele-Gruppentherapie

Froehlich-Grobe 2022: Die Teilnehmenden der Tele-Gruppentherapie gaben insgesamt hohe Zufriedenheitswerte mit dem Programm an. Die durchschnittliche Teilnahmerate über 16 Einheiten hinweg war 66%.

Therapeut*innen: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Akzeptanz.

3. Umsetzbarkeit von Gruppentherapie in der ambulanten Ergotherapie

Praktische Durchführbarkeit: Interpretation des Studienteams bez. Passung zw. Räumlichkeiten und Klientel

Bei Patient*innen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, ist insbesondere der barrierefreie Zugang zu der Praxis und zu Gruppenräumlichkeiten von hoher Bedeutung.

X
Tele-Fähigkeit: Hinweis auf gute Durchführbarkeit von Tele-Gruppentherapie

Froehlich-Grobe 2022: Die Teilnehmenden der Tele-Gruppentherapie gaben insgesamt hohe Zufriedenheitswerte mit dem Programm an. Zu den am besten bewerteten Fragebogenitems gehörten die virtuellen Meetings und die Online-Gruppendiskussionen. Die durchschnittliche Teilnahmerate über 16 Einheiten hinweg war 66%.