ICD-Code: G35
PrioPEG-Evidenz-Exposé
Dieses Evidenz-Exposé ist eines der Ergebnisse der im Projekt PrioPEG erfolgten Literatur-Recherche. Wir veröffentlichen hier einen konzentrierten Überblick über die gefundene Evidenz zu Effekten der Gruppentherapie bei der Indikation Multiple Sklerose.
Erklärung: Exposé und Ampelsystem
Das PrioPEG-Evidenz-Exposé ist strukturiert nach den drei Kriterien
- Wirksamkeit,
- Akzeptanz und
- Umsetzbarkeit
von Gruppentherapie für das genannte Krankheitsbild.
Zudem gibt das PrioPEG-Projektteam in einem 5-stufigen Ampelsystem eine klassifizierte Einschätzung zur Evidenz. Legende:
Grün: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich positive Wirkung von Gruppenbehandlung
Hellgrün: Hinweise auf positive Wirkung von Gruppenbehandlung
Gelb: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung von Gruppenbehandlung
Orange: Hinweise auf negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder Überlegenheit von Einzelbehandlung
Rot: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder deutliche Überlegenheit von Einzelbehandlung
Wo aufgrund der Evidenz-Lage keine qualifizierte Klassifizierung möglich ist, wird die Ampel in Grau dargestellt.
1. Wirksamkeit von Gruppentherapie
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Mobilitäts-Endpunkte: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
4 von 11 randomisiert kontrollieren Studien untersuchten mobilitätsbezogene Endpunkte.
Alle 4 folgenden Studien fanden signifikant positive Ergebnisse.
Arntzen 2019 verglichen ein individualisiertes Bewegungstraining (ambulant, 3-4 TN, 60 min, 3x/Wo, 6 Wo) bei 39 Personen (Ø 52 Jahre) mit der Standardversorgung ohne Training bei 40 Personen (Ø 48 Jahre). Die Personen waren leicht bis mittelschwer von MS beeinträchtigt (Expanded Disability Status Scale: 1,0 bis 6,5, Bereich: 0 [unabhängig] bis 10 [keinerlei Funktionen mehr]).
- Effekte: Balance, Rumpfstabilität und Gehfähigkeit verbesserten sich signifikant.
- Methodische Schwächen (PEDro 8): Fehlende Verblindung.
Forsberg 2016 verglichen ein Balancetraining (4-7 TN, 60 min, 2x/Wo, 7 Wo) bei 35 Personen (Ø 52 Jahre) mit der Standardversorgung ohne Training bei 38 Personen (Ø 56 Jahre). Die Personen konnten mind. 100 m gehen, wiesen aber Balance-Störungen auf (Tandem-Stand < 30 sec.).
- Effekte: Die Balance verbesserte sich signifikant, außer bei geschlossenen Augen. Die Gehfähigkeit verbesserte sich ebenso, nicht aber die Leistung in Aufsteh-Tests (Aufstehen-Hinsetzen, timed up & go).
- Methodische Schwächen (PEDro 6): Fehlende Verblindung, Abbrecherrate >15 %, keine ITT-Analyse.
Garrett 2013 (PEDro 6, näher beschrieben unter mobilitätsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Zirkel- und Fitnesstraining reduzierten im Vergleich zur Standardversorgung ohne Training die körperlichen Beeinträchtigungen im Alltag (Multiple Sclerosis Impact Scale, körperliche Subskala) sowie die Gehstrecke (6 min Gehtest). Yoga verbesserte die körperlichen Beeinträchtigungen kaum.
Tarakci 2013 (PEDro 8, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte).
- Effekte: Das ambulante Mobilitätstraining in der Gruppe reduzierte verglichen mit einer Wartezeit ohne Training die Balance, die Gehfähigkeit, das Treppensteigen und die Spastizität in Hüft-, Knie- und Fußgelenken signifikant.
- Keine signifikant positiven Effekte wurden gefunden auf
- Spastizität: Spezifische Dehnübungen zeigten keinen Vorteil gegenüber allgemeinen Bewegungsübungen (Hugos 2024). Die Studie hatte methodisch in wenigen Bereichen Schwächen (PEDro 7). Neben der Fehlenden Verblindung war unklar, wie die Gruppenzuordnung verdeckt wurde (concealment methods).
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Fatigue (Erschöpfung): Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
7 von 11 randomisiert kontrollieren Studien untersuchten Fatigue-bezogene Endpunkte.
Dunleavy 2013 verglichen eine Online-Grupppen-Schulung in Fatigue-Management (ambulant, 5-7 TN, 70 min, 1x/Wo, 6 Wo) bei 94 Personen mit einer Wartezeit ohne Schulung bei 96 Personen. Die Personen waren im Schnitt 56 Jahre alt und hatten mittlere bis schwere Fatigue.
- Effekte: Die Online-Grupppen-Schulung reduzierte im Vergleich zur Wartezeit ohne Schulung die körperlichen, kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen durch Fatigue (Fatigue Impact Scale, körperliche, kognitive und soziale Subskala).
- Methodische Schwächen (PEDro 6 von 10): Fehlende Verblindung. Abbrecherrate >20 %, unklar, inwieweit sich die verglichenen Gruppen zu Studienbeginn unterschieden.
Garrett 2013 verglichen (1) ein Zirkeltraining mit Gewichten bei 63 Personen (Ø 52 Jahre), (2) ein Fitnesstraining bei 67 Personen (50 Jahre) und (3) Yoga bei 63 Personen (Ø 50 Jahre) mit (4) der Standardversorgung ohne Training bei 49 Personen (Ø 49 Jahre). Die Trainings und das Yoga erfolgten ambulant, 8-9 TN, 60 min 1x/Wo, 10 Wo.
- Effekte: Das Zirkeltraining reduzierte im Vergleich zur Standardversorgung ohne Training die Fatigue signifikant (Modified Fatigue Impact scale).
- Methodischen Schwächen (PEDro 6): Fehlende Verblindung, Abbrecherrate >20 %, keine ITT-Analyse.
Hugos 2019 verglichen eine spezifische Gruppen-Schulung für Fatigue-Management bei 109 Personen (Ø 54 Jahre) mit einer allgemeinen Gruppen-Schulung zu MS bei 109 Personen (Ø 54 Jahre). Die Personen wiesen mittlere bis schwere Fatigue auf. Beide Schulungen erfolgten ambulant, 3-10 TN, 120 min, 1x/Wo, 6 Wo.
- Effekte: Die spezifische Fatigue-Gruppen-Schulung und die allgemeine MS-Gruppen-Schulung reduzierten die Beeinträchtigungen durch Fatigue in ähnlichem Maße (Modified Fatigue Impact Scale), d.h. es gab in beiden Gruppen Verbesserungen, jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.
- Methodische Schwächen (PEDro 8): Fehlende Verblindung.
Karbandi 2015 verglichen Yoga in der Gruppe zur Fatigue-Verbesserung (ambulant, 10-15 min, 2x/Tag, 6 Wo) bei 44 Personen mit Yoga als Einzelübung bei 41 Personen. Alle Personen aus beiden Gruppen gemeinsam waren im Schnitt 32 Jahre alt und zu 95 % weiblich und mindesten mit Gehhilfemittel gehfähig (Expanded Disability Status Scale < 7, Bereich: 0 (unabhängig) bis 10 (keinerlei Funktionen mehr)). Für das Einzel-Yoga in gleichem Umfang wurde den Personen Videos oder Broschüren zur Verfügung gestellt.
- Effekte: Gruppen- und Einzel-Yoga reduzierten die Beeinträchtigungen durch Fatigue in ähnlichem Maße (Modified Fatigue Impact Scale).
- Methodische Schwächen (PEDro 2). Fehlende Verblindung, hohe Abbrecherrate >30 %, unklar wie die Gruppenzuordnung verdeckt wurde (concealment methods) und inwieweit sich die verglichenen Gruppen zu Studienbeginn unterschieden, keine ITT-Analyse, kein Bericht aller statistischen Maße zu allen Messzeitpunkten.
Mathiowetz 2005 verglichen eine Gruppen-Schulung in Fatigue-Management (ambulant, 7-10 TN, 120 min, 1x/Wo, 6 Wo) bei 169 Personen (Ø 48 Jahre) mit einer Wartezeit ohne Schulung bei 131 Personen (Ø 49 Jahre). Die Personen lebten unabhängig in der eigenen Häuslichkeit.
- Effekte: Die Gruppen-Schulung reduzierte im Vergleich zur Wartezeit ohne Schulung die Beeinträchtigungen durch Fatigue (Fatigue Impact Scale).
- Methodische Schwächen (PEDro 4): Fehlende Verblindung, Abbrecherrate >20 %, unklar, wie die Gruppenzuordnung verdeckt wurde (concealment methods) und inwieweit sich die verglichenen Gruppen zu Studienbeginn unterschieden.
Thomas 2013 verglichen eine Gruppen-Schulung in Fatigue-Management (6-12 TN, 90 min 1x/Wo, 6 Wo) bei 84 Personen (Ø 48 Jahre) mit einer Routineversorgung unterschiedlicher Art (Informationsbroschüren sowie allgemeine oder berufsspezifische Beratungen nach Bedarf) bei 80 Personen (Ø 50 Jahre). Die Personen wiesen deutliche Fatigue auf.
- Effekte: Die Gruppen-Schulung reduzierte im Vergleich zur Routineversorgung ohne Schulung die Schwere der Fatigue (Global Fatigue Severity Subscale of the Fatigue Assessment Instrument).
- Methodische Schwächen (PEDro 8): Fehlende Verblindung.
Tarakci 2013 verglichen ein Kraft-, Beweglichkeits- und Balance-Training (ambulant, 6-7 TN, 3x/Wo, 12 Wo) bei 55 Personen (Ø 41 Jahre) mit einer Wartezeit ohne Training bei 55 Personen (Ø 40 Jahre).
- Effekte: Das Mobilitätstraining in der Gruppe reduzierte verglichen mit einer Wartezeit ohne Training die Schwere der Fatigue signifikant (Fatigue Severity Scale).
- Methodische Schwächen (PEDro 8): Fehlende Verblindung.
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Selbstwirksamkeit: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
5 von 11 randomisiert kontrollieren Studien untersuchten Selbstwirksamkeit als Endpunkt.
2 der 5 Studien (Dunleavy 2013, Hugos 2019) fanden keine positiven Effekte auf Selbstwirksamkeit.
Die 3 folgenden Studien fanden signifikant positive Ergebnisse.
Kalina 2018 verglichen eine Schulung in Selbst-Management plus Gruppen-Aktivitäten in der Region (ambulant, 4-10 TN, 45 min, 1x/Wo, 12 Wo) bei 51 Personen (Ø 50 Jahre) mit einer Wartezeit ohne Schulung und ohne Gruppen-Aktivitäten bei 40 Personen (Ø 45 Jahre). Die Gruppen-Aktivitäten wie z. B. Besuche von Museen oder Sportveranstaltungen wurden 4 bis 8 x pro Woche angeboten.
- Effekte: Schulung und Aktivitäten verbesserten im Vergleich zur Wartezeit die allgemeine und MS-bezogene Selbstwirksamkeit (General & Multiple Sclerosis Self-Efficacy Scale).
- Methodischen Schwächen (PEDro 5): Fehlende Verblindung, unklar, wie die Gruppenzuordnung verdeckt wurde (concealment methods), die verglichenen Gruppen unterschieden zu Studienbeginn im Alter, im Berufsstatus und im Grad der Beeinträchtigung, keine ITT-Analyse.
Mathiowetz 2005 (PEDro 4, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte).
- Effekte: Die Schulung in Fatigue-Management verbesserte im Vergleich zur Routineversorgung ohne Schulung die Selbstwirksamkeit.
Thomas 2013 (PEDro 8, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte).
- Effekte: Die Schulung in Fatigue-Management verbesserte im Vergleich zur Routineversorgung ohne Schulung die Selbstwirksamkeit.
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Lebensqualität: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
4 von 11 randomisiert kontrollieren Studien untersuchten Lebensqualität mit generischen oder MS-spezifischen Skalen.
1 Studie fand keine signifikant positive Effekte auf Lebensqualität (Thomas 2013).
Die 3 folgenden Studien fanden signifikant positive Effekte.
Dunleavy 2013 (PEDro 6, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte)
- Effekte: Die Online-Schulung verbesserte im Vergleich zur „Wartezeit“ ohne Schulung die körperliche Komponente der Lebensqualität signifikant (SF-36, subscale role physical).
Mathiowetz 2005 (PEDro 4, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte).
- Effekte: Die Schulung in Fatigue-Management verbesserte im Vergleich zur Wartezeit ohne Schulung die Lebensqualität signifikant (SF 36).
Tarakci 2013 (PEDro 8, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte).
- Effekte: Das ambulante Mobilitätstraining in der Gruppe verbesserte verglichen mit einer Wartezeit ohne Training die MS-bezogene Lebensqualität signifikant (multiple sclerosis international quality of life).
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Psychische Endpunkte: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
1 Studie fand keine signifikant positiven Effekte auf Angst und Depression (Thomas 2013). 1 Studie (Hugos 2019) fand für fatigue-spezifische Schulung und allgemeine Schulung zu MS ähnlich positive Wirkung auf Schlafqualität.
Die 2 folgenden von 4 Studien fanden signifikant positive Effekte.
Garrett 2013 (PEDro 6, näher beschrieben unter mobilitätsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Zirkel- und Fitnesstraining und Yoga reduzierten im Vergleich zur Standardversorgung ohne Training die mentalen Beeinträchtigungen im Alltag (Multiple Sclerosis Impact Scale, psychische Subskala).
Kalina 2018 (PEDro 5, näher beschrieben unter Selbstwirksamkeit)
- Effekte: Die Schulung in Selbst-Management plus Gruppen-Aktivtäten in der Region reduzierten im Vergleich zur Wartezeit das Gefühl der Einsamkeit (Loneliness Scale).
2. Akzeptanz von Gruppentherapie
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Patient*innen: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Akzeptanz.
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Therapeut*innen: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Akzeptanz.
3. Umsetzbarkeit von Gruppentherapie in der ambulanten Ergotherapie
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Praktische Durchführbarkeit: Interpretation des Studienteams bez. der Passung der Intervention
In den Wirksamkeitsstudien wurden (eher ergotherapeutische) Fatigue-Schulungen und (eher physiotherapeutisches) Bewegungstraining als grundsätzlich unterschiedliche Interventionen angeboten.
Fatigue-Schulunge können Fatigue, Lebensqualität und psychische Endpunkte verbessern, nicht aber mobilitätsbezogne Endpunkte.
Um mobilitätbezogene Endpunkte zu verbessern, sollte Bewegungstraining in ergotherapeutische Fatigue-Schulungen integriert oder zusätzlich physiotherapeutisches Bewegungstraining in der Gruppe angeboten werden.
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Tele-Fähigkeit: Hinweis, dass Online Fatigue-Schulungen möglich sind.
Dunleavy 2013 (PEDro 6, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte): Die Schulung in Fatigue-Management wurde komplett online durchgeführt und reduzierte im Vergleich zur Wartezeit ohne Schulung die körperlichen, kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen durch Fatigue.