ICD-Code: R26
PrioPEG-Evidenz-Exposé
Dieses Evidenz-Exposé ist eines der Ergebnisse der im Projekt PrioPEG erfolgten Literatur-Recherche. Wir veröffentlichen hier einen konzentrierten Überblick über die gefundene Evidenz zu Effekten der Gruppentherapie bei der Indikation Störungen Gang / Mobilität.
Erklärung: Exposé und Ampelsystem
Das PrioPEG-Evidenz-Exposé ist strukturiert nach den drei Kriterien
- Wirksamkeit,
- Akzeptanz und
- Umsetzbarkeit
von Gruppentherapie für das genannte Krankheitsbild.
Zudem gibt das PrioPEG-Projektteam in einem 5-stufigen Ampelsystem eine klassifizierte Einschätzung zur Evidenz. Legende:
Grün: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich positive Wirkung von Gruppenbehandlung
Hellgrün: Hinweise auf positive Wirkung von Gruppenbehandlung
Gelb: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung von Gruppenbehandlung
Orange: Hinweise auf negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder Überlegenheit von Einzelbehandlung
Rot: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder deutliche Überlegenheit von Einzelbehandlung
Wo aufgrund der Evidenz-Lage keine qualifizierte Klassifizierung möglich ist, wird die Ampel in Grau dargestellt.
1. Wirksamkeit von Gruppentherapie
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Sturzhäufigkeit: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich positive Wirkung der Gruppenbehandlung
Sherrington 2019: Systematische Übersichtsarbeit zur Sturzprävention (Einzel & Gruppe)
- Patient*innen: 65 bis 88 Jahre, selbstständig zuhause wohnend (in der Kommune), mit (meist hohem) Sturzrisiko.
- Intervention
- WER: Physiotherapeut*innen oder andere Berufsgruppen.
- WAS: Unterschiedliches Bewegungstraining (Gruppengröße unklar) mit Balance- und funktionellem Training (78 Studien; 53 %), Tai Chi oder ähnlichem 3D Training (15 Studien; 10%), Krafttraining (9 Studien; 6%), anderem Training (Laufgruppen, Beweglichkeit, Ausdauer, 8 Studien; 6 %) oder kombiniertem Training (37 Studien; 25%).
- WO: unklar, aber Angebote für zuhause wohnende Personen.
- WIE OFT:
- Stunden pro Einheit: unklar.
- Frequenz: 3 oder mehr Stunden pro Woche zeigten sich als besonders wirksam (Sherrington_2020).
- Dauer: von 5 bis zu 130 Wochen (30 Monate)
- Vergleichsintervention: Gesundheitsschulung, soziale Besuche, sanfte oder Pseudo-Übungen (85 Studien). Vergleich zwischen unterschiedlichen Bewegungstrainings (24 Studien). Vergleich zwischen Gruppen- und Einzelbehandlung (4 Studien).
- Ergebnisse
- Verglichen mit der jeweiligen Vergleichsintervention zeigten sowohl die Einzel- als auch die Gruppen-Bewegungstrainings ähnliche signifikant positive Effekte bei (1) der Häufigkeit der Stürze und bei (2) der Anzahl der stürzenden Personen.
- Insbesondere Balance‐ und Funktionstrainings zeigte sich als wirksam, sowohl für Gruppen- als auch Einzeltraining. Die Wirkung von Widerstandstraining ohne Balance‐ und Funktionsübungen sowie von Tanz oder Walking auf die Sturzhäufigkeit blieb unklar.
- Die wenigen Studien, die dieselbe Art von Bewegungstraining als Einzel- versus Gruppenbehandlung verglichen, waren zu klein, um eindeutig eine Überlegenheit des Gruppen- oder Einzelmodus zu belegen.
- Unerwünschte Ereignisse wurden selten berichtet. Dort wo sie berichtet wurden, waren sie größtenteils nicht schwerwiegend.
- Eine Aktualisierung dieses Review ein Jahr später (Sherrington_2020) umfasste 8 weitere Studien und zeigte ähnliche Ergebnisse.
- Methodische Qualität: Das Review umfasste 108 randomisiert kontrollierte Studien mit oft unklarem oder hohem Verzerrungsrisiko und insgesamt 23.407 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR-2 wies das Review in fast keinem Bereich methodische Schwächen auf.
Zhou 2024: Systematische Übersichtsarbeit zur Sturzprävention in der Gruppe
- Patient*innen: 65 bis 94 Jahre mit Sturzrisiko.
- Intervention
- WER: Unklar.
- WAS: Unterschiedliches Bewegungstraining in der Gruppe (Gruppengröße unklar) mit Kraft-, Balance-, Haltungs-, Gang- oder funktionellem Training, Ausdauertraining, Tai Chi und Sturzmanagement.
- WO: meist ambulant, teils kommunale Angebote, z.B. in kommunalen Zentren
- WIE OFT:
- Stunden pro Einheit: 0,5 bis 1,5.
- Frequenz: von 1 bis 3 x pro Woche.
- Dauer: von 12 bis zu 180 Wochen (42 Monate)
- Vergleichsintervention: Routineversorgung ohne Bewegungstraining oder mit Einzel-Bewegungstraining nicht im Gruppenmodus.
- Ergebnisse
- Verglichen ohne Bewegungstraining zeigte Bewegungstraining in der Gruppe signifikant positive Effekte bei (1) der Häufigkeit der Stürze, (2) der Häufigkeit der Stürze mit Verletzungsfolgen und (3) der Häufigkeit der sturzbedingten Frakturen.
- Verglichen mit Einzel-Bewegungstraining zeigte Bewegungstraining in der Gruppe signifikant positive Effekte bei (1) der Häufigkeit der Stürze und (2) der Häufigkeit der Stürze mit Verletzungsfolgen.
- Methodische Qualität: Das Review umfasste 17 randomisiert kontrollierte Studien mit unklarem Verzerrungsrisiko und insgesamt 9.024 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR-2 wies das Review in vielen Bereichen methodische Schwächen auf, insbesondere weil ein Vorab-Reviewprotokoll, die Ausschlussgründe der ausgeschlossenen Studien sowie die Details zur Literatur-Suchstrategie, zur Studienauswahl und zum Charakter und Verzerrungsrisiko der eingeschlossenen Studien nicht berichtet wurden.
Martin 2013: Systematische Übersichtsarbeit zur Sturzprävention in der Gruppe
- Patient*innen: 72 bis 81 Jahre mit Sturzrisiko.
- Intervention
- WER: Durchführende unklar, Behandlungen sind von Physiotherapeut*innen entwickelt oder supervidiert worden.
- WAS: Bewegungstraining in der Gruppe (Gruppengröße unklar), nicht näher beschrieben.
- WO: meist ambulant, teils kommunale Angebote, z.B. in kommunalen Zentren
- WIE OFT:
- Stunden pro Einheit: 0,7 (40 min) bis 1,5.
- Frequenz: von 1 bis 3 x pro Woche.
- Dauer: von 6 bis zu 52 Wochen
- Vergleichsintervention: Routineversorgung ohne Bewegungstraining (7 von 10 Studien) oder mit häuslichem Eigentraining (3 von 10 Studien).
- Ergebnisse
- Verglichen ohne Bewegungstraining zeigte Bewegungstraining in der Gruppe signifikant positive Effekte bei der Häufigkeit der Stürze.
- Verglichen mit häuslichem Eigentraining zeigte Bewegungstraining in der Gruppe keine signifikant positive Effekte bei der Häufigkeit der Stürze.
- Methodische Qualität: Das Review umfasste 10 randomisiert kontrollierte Studien mit unklarem Verzerrungsrisiko und insgesamt 2.293 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR-2 wies das Review in vielen Bereichen methodische Schwächen auf, etwa bei der Suchstrategie, der Vollständigkeit der Berichterstattung, der Berücksichtigung des Verzerrungsrisikos der eingeschlossenen Studien und den Analysemethoden. Zudem lag kein Vorab-Reviewprotokoll vor.
Teng 2020: Systematische Übersichtsarbeit zur Sturzprävention in der Gruppe
- Patient*innen: 70 bis 82 Jahre mit Sturzrisiko.
- Intervention
- WER: Durchführende unklar.
- WAS: Kombination aus Gruppenbehandlung (Gruppengröße unklar) und häuslichem Eigentraining mit Kraft-, Balance-, Koordinations- oder Gang-Training oder Aerobic.
- WO: unklar, aber für in der Kommune lebende Ältere.
- WIE OFT:
- Stunden pro Einheit: 0,7 (40 min) bis 1.
- Frequenz: von 1 bis 3 x pro Woche.
- Dauer: von 8 bis zu 208 Wochen
- Vergleichsintervention: Routineversorgung ohne Bewegungstraining, teilweise mit Gesundheitsschulung, Sturzberatung oder mit nur häuslichem Eigentraining.
- Ergebnisse
- Die Kombination aus Gruppenbehandlung und Eigentraining zeigte signifikant positive Effekte bei der Häufigkeit der Stürze mit Verletzungsfolgen.
- Methodische Qualität: Das Review umfasste 18 randomisiert kontrollierte Studien mit unklarem Verzerrungsrisiko und insgesamt 5.960 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR-2 wies das Review in vielen Bereichen methodische Schwächen auf, etwa bei der Vollständigkeit der Berichterstattung, der Berücksichtigung des Verzerrungsrisikos der eingeschlossenen Studien und den Analysemethoden. Zudem lag kein Vorab-Reviewprotokoll vor.
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Andere Mobilitäts-Endpunkte: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
Martin 2013 Systematische Übersichtsarbeit zur Sturzprävention in der Gruppe
(Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Sturzhäufigkeit“)
- Verglichen mit Interventionen ohne Bewegungstraining zeigte Bewegungstraining in der Gruppe signifikant positive Effekte bei der Balance. Die Effekte auf funktionelle Mobilität (Timed up & go, Gehgeschwindigkeit) und Sturzangst waren nicht eindeutig.
- Verglichen mit häuslichem Eigentraining zeigte Bewegungstraining in der Gruppe ähnlich positive Effekte bei der Balance, funktioneller Mobilität und Sturzangst.
Teng 2020: Systematische Übersichtsarbeit zur Sturzprävention in der Gruppe
(Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Sturzhäufigkeit“)
- Verglichen mit Interventionen ohne Bewegungstraining zeigte Bewegungstraining in der Gruppe signifikant positive Effekte bei der funktionellen Mobilität (Timed up & go, Gehgeschwindigkeit) und der Beinkraft (5 x vom Sitzen zum Stehen).
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Lebensqualität: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung
Martin 2013 Systematische Übersichtsarbeit zur Sturzprävention in der Gruppe
(Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Sturzhäufigkeit“)
- Die Effekte des Bewegungstrainings in der Gruppe auf Lebensqualität waren nicht eindeutig.
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Spezifische Zielgruppen: Hinweise auf positive Wirkung bei Menschen in Pflegeheimen oder mit kognitiven Einschränkungen
Zwei Übersichtsarbeiten zu Bewegungstraining in der Gruppe mit methodischen Schwächen in mehreren Bereichen berichten, dass
- Booth 2016: die Kombination von kognitivem und Bewegungstraining bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen positiv auf die Balance, funktionelle Mobilität und Gehgeschwindigkeit wirken kann und
- Peng 2023: das Otago-Bewegungstraining bei Menschen in Pflegeheimen positiv auf Balance, Beinkraft, funktionelle Mobilität, Gebrechlichkeit (frailty) und gesundheitsbezogene Lenbensqualität wirken kann.
2. Akzeptanz von Gruppentherapie
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Patient*innen: Hinweise auf positive Wirkung
McPhate 2013: Systematische Übersichtsarbeit zur Teilnahmehäufigkeit (Adhärenz) bei Sturzprävention in der Gruppe
- Patient*innen: 60 Jahre oder älter.
- Intervention
- WER: Physiotherapeut*innen oder andere Berufsgruppen wie Fitness- oder Tai-Chi-Trainer*innen.
- WAS: Unterschiedliches Bewegungstraining in der Gruppe (n ≤ 20) mit Kraft-, Balance-, Gang-, Beweglichkeits- oder Entspannungstraining sowie Tai Chi, Tanz, Wassergymnastik oder Aerobic.
- WO: meist ambulant, teils kommunale Angebote, z.B. in kommunalen Zentren
- WIE OFT
- Stunden pro Einheit: 0,3 (20 min) bis 1,5.
- Frequenz: von 1 bis 3 x pro Woche.
- Dauer: von 5 bis zu 52 Wochen.
- Vergleichsintervention: Meist Routineversorgung ohne Bewegungstraining.
- Ergebnisse
- Negativ assoziiert mit Teilnahmehäufigkeit waren die Faktoren:
- Beweglichkeitsübungen wie z. B. Dehnübungen
- Geringe Übungsfrequenz von unter 2 x pro Woche
- Hohe Programmdauer von 20 oder mehr Wochen
- Negativ assoziiert mit Teilnahmehäufigkeit waren die Faktoren:
- Methodische Qualität: Das Review umfasste 18 randomisiert kontrollierte Studien und 3.153 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR-2 wies das Review in vielen Bereichen methodische Schwächen auf, etwa bei der Definition der Einschlusskriterien, bei der Suchstrategie, der Vollständigkeit der Berichterstattung und der Berücksichtigung des Verzerrungsrisikos der eingeschlossenen Studien. Zudem lag kein Vorab-Reviewprotokoll vor.
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Therapeut*innen: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Akzeptanz.
3. Umsetzbarkeit von Gruppentherapie in der ambulanten Physiotherapie
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Praktische Durchführbarkeit: Interpretation des Studienteams bez. der Passung der Intervention
Physiotherapeutische Gruppenbehandlung zur Sturzprävention kann Sturzhäufigkeit bei älteren Patient*innen reduzieren. Die Wirkung auf Lebensqualität ist nicht eindeutig, die Wirkung auf soziale Teilhabe kaum untersucht. Wir empfehlen physiotherapeutische Gruppenbehandlung für ältere Patient*innen mit Komponenten anzureichern, die auch Lebensqualität und soziale Teilhabe adressieren.
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Tele-Fähigkeit: Hinweise, dass Online-Training dem konventionellen nicht unterlegen ist
Fernandez 2023: Systematische Übersichtsarbeit zu online Bewegungstraining in der Gruppe
- Patient*innen: 66 bis 81 Jahre mit kardiologischen (n = 2 Studien), pulmonalen (n=3) oder Sturzerkrankungen (n=2) oder Schlaganfall (n=1) oder ohne spezifische Erkrankung (n=1).
- Intervention
- WER: Unklar.
- WAS: Bewegungstraining in der Gruppe (Gruppengröße unklar) meist im Rahmen von rehabilitativen Maßnahmen. Die Art des Trainings war nicht näher beschrieben.
- WO: online zuhause (Tele-Rehabilitation in Form von Gruppen-Videokonferenzen) oder als kommunales Angebot, z.B. in kommunalen Zentren
- WIE OFT
- Stunden pro Einheit: 0,5 bis 1.
- Frequenz: von 1 bis 3 x pro Woche.
- Dauer: von 8 bis 16 Wochen.
- Vergleichsintervention: Konventionelles Bewegungstraining (n=5), ohne Kontrollgruppe (n=3) oder Routineversorgung ohne Bewegungstraining (n=1).
- Ergebnisse
- Es fanden sich meist ähnliche Effekte in Interventions- und Kontrollgruppe, gemessen bei der Gehausdauer (6-min walk test) oder bei der funktionellen Mobilität (timed up & go test).
- Die Teilnahmehäufigkeit war beim Online Training (79 %) leicht höher als beim konventionellen Training (66 %).
- Bei vier Studien wurden technische Probleme benannt, insbesondere mit der Video- oder Klangqualität und mit der Internetverbindung.
- Methodische Qualität: Das Review umfasste 6 randomisiert kontrollierte Studien und 3 Studien ohne Kontrollgruppe mit unklarem Verzerrungsrisiko und insgesamt 581 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR-2 wies das Review in fast allen Bereichen methodische Schwächen auf.