ICD-Code: F00, F01, F03, G30
PrioPEG-Evidenz-Exposé
Dieses Evidenz-Exposé ist eines der Ergebnisse der im Projekt PrioPEG erfolgten Literatur-Recherche. Wir veröffentlichen hier einen konzentrierten Überblick über die gefundene Evidenz zu Effekten der Gruppentherapie bei der Indikation Demenz.
Erklärung: Exposé und Ampelsystem
Das PrioPEG-Evidenz-Exposé ist strukturiert nach den drei Kriterien
- Wirksamkeit,
- Akzeptanz und
- Umsetzbarkeit
von Gruppentherapie für das genannte Krankheitsbild.
Zudem gibt das PrioPEG-Projektteam in einem 5-stufigen Ampelsystem eine klassifizierte Einschätzung zur Evidenz. Legende:
Grün: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich positive Wirkung von Gruppenbehandlung
Hellgrün: Hinweise auf positive Wirkung von Gruppenbehandlung
Gelb: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung von Gruppenbehandlung
Orange: Hinweise auf negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder Überlegenheit von Einzelbehandlung
Rot: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder deutliche Überlegenheit von Einzelbehandlung
Wo aufgrund der Evidenz-Lage keine qualifizierte Klassifizierung möglich ist, wird die Ampel in Grau dargestellt.
1. Wirksamkeit von Gruppentherapie
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Kognitionsbezogene Endpunkte: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung
6 von 8 randomisiert kontrollierten Studien untersuchten kognitionsbezogene Endpunkte.
Chu 2014 verglichen Musiktherapie in der Gruppe (ambulant, Gruppengröße unklar, 30 min, 2x/Wo, 6 Wo) bei 52 Personen mit Routineaktivitäten wie Fernsehen oder Spaziergänge bei 52 Personen. Die Personen waren im Schnitt 82 Jahre alt und hatten die Diagnose Demenz.
- Effekte: Musiktherapie in der Gruppe verbesserte verglichen mit Routineaktivitäten die kognitiven Fähigkeiten signifikant (Mini Mental State Examination).
- Methodische Schwächen (PEDro 8 von 10): Fehlende Verblindung.
Christakou 2024 verglichen (1) eine kombinierte Gruppenbehandlung aus Kraft-, Ausdauer- und Balance-Training (Otago-Bewegungstraining) plus anschließende geistige Visualisierung der Bewegungen (mental imagery) bei 55 Personen (Ø 79 Jahre) mit (2) dem Bewegungstraining alleine bei 52 Personen (Ø 78 Jahre) und (3) mit der Routineversorgung ohne Bewegungstraining und ohne Visualisierung bei 53 Personen (Ø 76 Jahre). Die Personen hatten die Diagnose der frühen Alzheimer-Erkrankung (Mini Mental State Examination zwischen 20 und 25 von 30 Punkten). Die Gruppengröße war unklar (ambulant, 45 min Bewegungstraining + 30 min Visualisierung, 2x/Wo, 12 Wo).
- Effekte: Das Bewegungstraining plus Visualisierung in der Gruppe verbesserte die kognitiven Funktionen signifikant (Walking while Talking Test), sowohl im Verlgeich zum Bewegungstraining alleine als auch zur Routineversorgung ohne Training und ohne Visualisierung.
- Methodische Schwächen (PEDro 6): Fehlende Verblindung, unklar, wie die Gruppenzuordnung verdeckt wurde (concealment methods), kein Bericht aller statistischen Maße zu allen Messzeitpunkten.
Lamb 2018 verglichen ein Ausdauer- und Kraft-Training in der Gruppe (ambulant, 5-7 TN bei 1-2 Therapeut*innen, 60 min betreut & 50 min unbetreut, 2x/Wo, 4 Monate. Danach unbetreutes Training 150 min/Wo, 8 Monate) bei 329 Personen (Ø 77 Jahre) mit einer Routineversorgung ohne Training bei 165 Personen (Ø 78 Jahre). Die Personen hatten die Diagnose leichte bis mittelschwere Demenz.
- Effekte: Das Training in der Gruppe verbesserte im Vergleich zur Routineversorgung ohne Training die kognitiven Funktionen nicht; vielmehr wurde nach 12 Monaten signifikant größere kognitive Einschränkungen in der Interventionsgruppe gefunden (Alzheimer Disease Assessment Scale).
- Methodische Schwächen (PEDro 7): Fehlende Verblindung, Abbrecherrate >15 %.
Lee 2023 verglichen eine kombinierte Gruppenbehandlung (ambulant, 19-32 TN bei 1-2 Therapeut*innen, 90 min, 1x/Wo, 10 Monate) aus Ausdauertraining und kognitiven Aufgaben wie rechnen, Worte erinnern oder Bewegungsmuster nachahmen (duale Aufgaben) und zusätzlichen Buchbesprechungen (2 x pro Monat ) in Kleingruppen bei 140 Personen mit einer Gesundheitsschulung (3 x 60 min in 10 Monaten) bei 140 Personen. Die Personen waren im Schnitt 76 Jahre alt und hatten leichte bis mittlere kognitive Einschränkungen.
- Effekte: Die kombinierte Gruppenbehandlung verbesserte im Vergleich zur weniger intensiven Gesundheitsschulung die kognitiven Fähigkeiten signifikant (Japanischer Test für kognitive Funktionen).
- Methodischen Schwächen (PEDro 8 von 10): Fehlende Verblindung.
Öhman 2016 verglichen (1) ein Bewegungstraining in der Gruppe (Kraft-, Balance-, Koordinations- und Ausdauertraining, ambulant, 10 TN, 2 Therapeut*innen, 4 Std., 2x/Wo, für 12 Monate) bei 70 Personen und (2) Einzel-Bewegungstraining (1 Std., 2x/Wo, für 12 Monate) bei 70 Personen mit (3) der Routineversorgung (Beratung durch Pflegefachkräfte zu Ernährung und Bewegung) bei 70 Personen. Die Patient*innen waren im Schnitt 78 Jahre alt und hatten die Diagnose Alzheimer Demenz. Die Angehörigen nahmen aktiv an der Behandlung teil.
- Effekte: Weder das Bewegungstraining in der Gruppe noch das Einzel-Bewegungstraining verbesserten verglichen mit der Routineversorgung die kognitiven Funktionen signifikant (Mini Mental State Examination sowie Tests zum Uhrabzeichnen und zur Sprachflüssigkeit).
- Methodische Schwächen (PEDro 6): Fehlende Verblindung, Abbrecherrate >20 %
Stevens 2006 verglichen (1) ein sanftes Ausdauertraining in der Gruppe (in Langzeitpflege-Einrichtungen, 30 min, 3x/Wo, 12 Wo) bei 24 Personen (Ø 79 Jahre) mit (2) Diskussion in der Gruppe über Gesundheitsthemen (30 min, 3x/Wo, 12 Wo) bei 21 Personen (Ø 82 Jahre) und (3) Routineversorgung ohne Gruppenbehandlung bei 30 Personen (Ø 82 Jahre) . Alle Personen wohnten in Langzeitpflege-Einrichtungen und wiesen eine leichte bis mittelschwere Demenz auf.
- Effekte: Das Ausdauertraining in der Gruppe verbesserte die kognitiven Funktionen verglichen mit der Diskussionsgruppen signifikant, nicht aber verglichen mit der Routineversorgung ohne Gruppenbehandlung (Test zum Uhrabzeichnen)
- Methodische Schwächen (PEDro 2). Fehlende Verblindung, hohe Abbrecherrate >35 %, unklar inwieweit sich die verglichenen Gruppen zu Studienbeginn unterschieden, keine ITT-Analyse, kein Bericht aller statistischen Maße zu allen Messzeitpunkten.
| X |
Mobilitätsbezogene Endpunkte: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung
4 von 8 randomisiert kontrollierten Studien untersuchten mobilitätsbezogene Endpunkte.
Lamb 2018 (PEDro 7, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Das Ausdauer- und Krafttraining reduzierte im Vergleich zur Standardversorgung ohne Training das Sturzrisiko nicht.
Lee 2023 (PEDro 8, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Die Kombination aus Ausdauertraining und kognitiven Aufgaben (duale Aufgaben) verbesserte im Vergleich zur Gesundheitsschulung die Beinkraft und die Fitness signifikant, jedoch nicht die Handkraft, die Gehgeschwindigkeit oder das Ausmaß an körperlicher Aktivität im Alltag.
Öhman 2016 (PEDro 6, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Das Bewegungstraining in der Gruppe (Kraft-, Balance-, Koordinations- und Ausdauertraining) verbesserte im Vergleich zum Einzel-Bewegungstraining oder zur Routineversorgung ohne Training die Gehgeschwindigkeit nicht.
Zieschang 2017 verglichen eine kombinierte Gruppenbehandlung aus Kraft- und Alltagsfunktions-Training (Setting unklar, 4-6 TN, 120 min, 2x/Wo, 3 Monate) bei 62 Personen (Ø 82 Jahre) mit einem sanften Placebo-Bewegungstraining bei 60 Personen (Ø 83 Jahre). Die Personen hatten die Diagnose leichte bis mittelschwere Demenz (Mini Mental State Examination zwischen 17 und 26 von 30 Punkten).
- Effekte: Das Kraft- und Alltagsfunktionstraining in der Gruppe verbesserte verglichen mit dem Placebo-Bewegungstraining die Beinkraft und die körperliche Aktivität signifikant (vgl. auch Hauer 2012), jedoch reduzierten sie nicht das Sturzrisiko. Die funktionale Gehfähigkeit im Alltag verbesserte sich in einem Test (Tinetti), jedoch in einem anderen nicht (SPPB), (vgl. auch Zieschang 2013).
- Methodische Schwächen (PEDro 7): Fehlende Verblindung von Therapeut*innen, unklar, wie die Gruppenzuordnung verdeckt wurde (allocation concealement), Abbrecherrate >25 %.
| X |
Lebensqualität & Alltagsaktivitäten: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung
3 von 8 randomisiert kontrollierten Studien untersuchten Lebensqualität.
Christakou 2024 (PEDro 6, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Die kombinierte Gruppenbehandlung aus Bewegungstraining plus Visualisierung verbesserte im Vergleich zur Routineversorgung ohne Training und Visualisierung die Lebensqualität signifikant (EuroQuol).
Lamb 2018 (PEDro 7, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Das Ausdauer- und Krafttraining reduzierte im Vergleich zur Standardversorgung ohne Training die Lebensqualität und Alltagsaktivitäten nicht (EQ-5D und Bristol activity of daily living).
Stevens 2006 (PEDro 2, näher beschrieben unter fatigue-bezogene Endpunkte).
- Effekte: Das Ausdauertraining in der Gruppe verbesserte bei Bewohnern von Langzeitpflege-Einrichtungen verglichen mit der Diskussion in der Gruppe über Gesundheitsthemen und der Routineversorgung ohne Gruppenbehandlung die sozialen und die Selbsthilfe-Fähigkeiten signifikant, jedoch nicht körperliche oder psychische Beeinträchtigungen oder Pflegebedürftigkeit (Revised Elderly Disability Scale).
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Psychische Endpunkte: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung
3 von 8 randomisiert kontrollierten Studien untersuchten Lebensqualität.
Chu 2014 (PEDro 8, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Die Musiktherapie in der Gruppe verbesserte im Vergleich zu Routineaktivitäten wie Fernsehen oder Spaziergänge die von Fachkräften beobachte Depressivität signifikant (Cornell Scale for Depression in Dementia). Jedoch änderte sich der entsprechende Biomarker Cortisol nicht signifikant.
Christakou 2024 (PEDro 6, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Die kombinierte Gruppenbehandlung aus Bewegungstraining plus Visualisierung verbesserte im Vergleich zum alleinigen Bewegungstraining die Depressivität signifikant, jedoch nicht im Vergleich zur Routineversorgung ohne Training und Visualisierung (Short-Form of Geriatric Depression Scale). Die kombinierte Gruppenbehandlung verbesserte im Vergleich zum Bewegungstraining und zur Routineversorgung die Angst signifikant (Short Anxiety Screening Test).
Lamb 2018 (PEDro 7, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Das Ausdauer- und Krafttraining reduzierte im Vergleich zur Standardversorgung ohne Training die von Angehörigen beobachteten Verhaltensauffälligkeiten nicht (neuropsychiatric index).
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Weitere Endpunkte: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung der Gruppenbehandlung
2 von 8 randomisiert kontrollieren Studien untersuchten weitere Endpunkte
Lee 2023 (PEDro 8, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- Effekte: Die Kombination aus Ausdauertraining und kognitiven Aufgaben (duale Aufgaben) verbesserte im Vergleich zur Gesundheitsschulung die tägliche Konversation (Selbsteinschätzung) signifikant, jedoch nicht das soziale Netzwerk (Lubben Social Network Scale).
Maltais 2018 verglichen ein Bewegungstraining in der Gruppe (Ausdauer, Kraft, Balance und Koordination, in Langzeitpflege-Einrichtungen, Gruppengröße unklar, 60 min, 2x/Wo, 24 Wo) bei 44 Personen (Alter unklar) mit sozialen Gruppen-Aktivitäten wie Singen oder kreativ Tätigsein in gleicher zeitlicher Intensität bei 47 Personen (Alter unklar). Die Personen hatten die Diagnose Demenz (MMSE ≤ 20).
- Effekte: Das Bewegungstraining verbesserte im Vergleich zu sozialen Gruppen-Aktivitäten weder den Ernährungsstatus, noch das Gewicht, noch den Body Mass Index. Jedoch kamen in der Gruppe mit dem Bewegungstraining weniger Stürze vor.
- Methodischen Schwächen (PEDro 6): Fehlende Verblindung, unklar inwieweit sich die verglichenen Gruppen zu Studienbeginn unterschieden.
2. Akzeptanz von Gruppentherapie
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Patient*innen: Hinweise auf positive Wirkung
4 von 8 randomisiert kontrollieren Studien berichteten Teilnahmeraten.
- > 60 % bei Lamb 2018 (PEDro 7, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- > 80 % bei Lee 2023 (PEDro 8, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- > 70 % bei Öhman 2016 (PEDro 8, näher beschrieben unter kognitionsbezogene Endpunkte)
- > 90 % bei Zieschang 2017 (PEDro 7, näher beschrieben unter mobilitätsbezogene Endpunkte)
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Therapeut*innen: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Akzeptanz.
3. Umsetzbarkeit von Gruppentherapie in der ambulanten Ergotherapie
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Praktische Durchführbarkeit: Interpretation des Studienteams bez. der Passung der Intervention
In den Wirksamkeitsstudien wurde primär Bewegungstraining oder Musiktherapie in der Gruppe angeboten. Ergotherapie bei Demenz zielt eher auf Erhalt, Stabilisierung und Anpassung von Alltagsbetätigung. Hierzu konnten jedoch keine Wirksamkeitsstudien zu Interventionen in der Gruppe identifiziert werden.
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Tele-Fähigkeit: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Tele-Fähigkeit.