Evidenz-Exposé

Wir veröffentlichen hier exemplarisch die Ergebnisse der Evidenz-Recherche für die Diagnose Rückenschmerz.

Beschreibung des Prozesses

Im Rahmen des 1. Arbeitspakets „Priorisierung“ haben wir die Evidenz zur Wirksamkeit von Gruppenbehandlung in Physio- und Ergotherapie untersucht (PT und ET). Dabei sind systematische Übersichtsarbeiten und wo notwendig randomisierte kontrollierte Studien zu unterschiedlichen Diagnosen eingeschlossen worden. Die Qualität der Evidenz wurde mit standardisierten Instrumenten bewertet (AMSTAR 2 für systematische Übersichtsarbeiten und PEDro für Primärstudien).

Diese Evidenz-Grundlage wurde übersetzt in eine fünfstufige Ampelskala, um eine klassifizierte Diskussions-Grundlage zu erhalten:

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Grün: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich positive Wirkung von Gruppenbehandlung

X

Hellgrün: Hinweise auf positive Wirkung von Gruppenbehandlung

X

Gelb: keine Hinweise auf positive oder negative Wirkung von Gruppenbehandlung

X

Orange: Hinweise auf negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder Überlegenheit von Einzelbehandlung

X

Rot: Vertrauenswürdige Hinweise auf deutlich negative Wirkung von Gruppenbehandlung oder deutliche Überlegenheit von Einzelbehandlung

Wo aufgrund der Evidenz-Lage keine qualifizierte Klassifizierung möglich ist, wird die Ampel in Grau dargestellt.

Die gefundene Evidenz wurde im weiteren Verlauf ergänzt um Expertise aus dem Projekt-Team und dem Projekt-Beirat. In der Beiratsitzung (September 2025) diskutierten wir auf dieser Grundlage die Priorisierung der Indikationen, die im Projekt weiter behandelt werden sollen.

Evidenz zur Gruppenbehandlung (PT) bei Rückenschmerz

Eingeschlossen wurden systematische Übersichtsarbeiten zur Wirksamkeit von Gruppenbehandlung in der Physiotherapie bei Rückenschmerz (ICD M54).

1. Wirksamkeit von Gruppentherapie

Ausschluss von formal einschlussfähigen Reviews aufgrund mangelnder Passung und Qualität
  • Eine systematische Übersichtsarbeit zu Bewegungstherapie bei Nackenschmerzen (Sarig-Bahat 2003) mit vielen methodischen Schwächen (bewertet nach AMSTAR 2) enthielt nur 3 Studien zu Gruppen-Physiotherapie und lieferte keine aussagekräftigen Ergebnisse zur Schmerzreduktion.
  • Eine weitere sehr alte systematische Übersichtsarbeit zu Gruppen-Edukation für Menschen mit Schmerzen im unteren Rückenbereich (Cohen 1994) mit vielen methodischen Schwächen (bewertet nach AMSTAR 2) enthielt 13 Studien zu sehr heterogenen Interventionen und Vergleichsinterventionen und lieferte keine aussagekräftigen Ergebnisse zur Schmerzreduktion sowie zu weiteren Endpunkten (Arbeitsunfähigkeit, Funktionsfähigkeit, Wissen, Wirbelsäulenbeweglichkeit).
X
Schmerz: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
  • Zhang 2019: Systematische Übersichtsarbeit zu physiotherapeutisch geleiteten verhaltenspsychologischen Interventionen bei Erwachsenen mit chronischen Rückenschmerzen
    • Patient*innen: 37 bis 59 Jahre, mehrheitlich Frauen, mit chronischen Schmerzen im unteren Rückenbereich für mind. 12 Wochen.
    • Intervention
      • WER: Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen und andere Berufsgruppen.
      • WAS: Gruppentherapie mit Elementen aus den Bereichen (Schmerz-)Aufklärung, Physiotherapie, Rückenschule, Kraft- und Ausdauertraining, Dehnübungen, Training von Hebetechniken sowie Haltungs- und Atemtraining (Gruppengröße unklar).
      • WO: Ambulant und in kommunalen Zentren
      • WIE OFT
        • Zeit pro Einheit: 25 min bis 2,5 Std.
        • Frequenz: 1 bis 6 x pro Woche.
        • Dauer: 1 bis zu 12 Wochen
    • Vergleichsintervention: Standardbehandlung und Warteliste oder andere aktive Behandlungen (nicht näher beschrieben).
    • Ergebnisse
      • Verglichen mit Warteliste, Standardbehandlung und aktiver Behandlung zeigten die physiotherapeutisch geleitete Gruppeninterventionen signifikante, langfristige Schmerzlinderungen (>12 Monate). Für kurzzeitige (<6 Monate) und mittelfristige Schmerzlinderung (6–12 Monate) ergaben sich keine signifikanten Unterschiede gegenüber allen Vergleichsinterventionen.
      • Im direkten Vergleich zu Warteliste oder Standardbehandlung erzielten die Gruppeninterventionen signifikante Schmerzlinderung sowohl kurzfristig (<6 Monate), mittelfristig (6–12 Monate) als auch langfristig (>12 Monate).
      • Im direkten Vergleich zu anderen aktiven Behandlungen zeigten die Gruppeninterventionen eine kleine, aber signifikante langfristige Schmerzlinderung (>12 Monate), während kurz- und mittelfristige Effekte nicht signifikant waren.
    • Methodische Qualität: Das Review umfasste 13 randomisiert kontrollierte Studien und insgesamt 1.927 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR 2 wies das Review in vielen Bereichen methodische Schwächen auf. So lag kein Vorab-Protokoll vor und es gab keine transparente Erläuterung der Auswahl der Studienarten für den Einschluss. Darüber hinaus gab es Schwächen bei der doppelten Datenextraktion, der Begründung für Ausschlüsse auf Volltextebene und der Vollständigkeit der Berichterstattung von Studiencharakteristika.
  • Lemieux 2020: Systematische Übersichtsarbeit zu Wirksamkeit von Gruppenübungen bei chronischen Rückenschmerzen
    • Patient*innen: 18- bis 75-Jahre, mit chronischen Schmerzen im unteren Rückenbereich.
    • Intervention
      • WER: Physiotherapeut*innen.
      • WAS: Gruppenbasierte Übungen, einschließlich Kräftigung, körperlicher Aktivität und Krafttraining, Gruppengröße: 3 oder mehr TN.
      • WO: Unklar
      • WIE OFT
        • Zeit pro Einheit: 10 min bis 1,5 Std.
        • Frequenz: merhmals pro Woche.
        • Dauer: 12 Wochen
    • Vergleichsintervention: Andere nicht-pharmakologische Einzelbehandlung (z.B. individuelle Behandlung, Schulungen, andere aktive Interventionen).
    • Ergebnisse
      • Gruppenübungen hatten im Vergleich zu anderen nicht-pharmakologischen Einzelbehandlungen überwiegend vergleichbare Effekte auf die Schmerzintensität, wobei die Ergebnisse zwischen den eingeschlossenen Studien variierten und keine eindeutige Schussfolgerung zuließen.
    • Methodische Qualität: Das Review umfasste 11 randomisiert kontrollierte Studien und insgesamt 1.623 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR 2 wies das Review in vielen Bereichen methodische Schwächen auf, so lag beispielsweise kein Vorab-Protokoll vor. Außerdem bestanden Schwächen bei der Erläuterung der Auswahl der Studienarten für den Einschluss, der doppelten Datenextraktion, der Begründung für Ausschlüsse auf Volltextebene, der Vollständigkeit der Berichterstattung von Studiencharakteristika und der Berücksichtigung des Einflusses von Verzerrungsrisiken in den eingeschlossenen Studien.
  • Robertson 2014: Systematische Übersichtsarbeit zu individueller versus gruppenbasierter Physiotherapie bei Schmerzen im unteren Rückenbereich
    • Patient*innen: 41 bis 46 Jahre, mit (chronischen) Schmerzen im unteren Rückenbereich.
    • Intervention
      • WER: Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen und andere Berufsgruppen
      • WAS: Physiotherapie in der Gruppe mit Aufklärung und Zirkeltraining, Komponenten zur Schmerzbewältigung, Entspannungstherapie oder kognitiver Therapie, Gruppengröße 6-10 TN (z.T. unklar).
      • WO: ambulant
      • WIE OFT
        • Stunden pro Einheit: 0,5h (30 min) bis 2h.
        • Frequenz: von 0,5 bis 3 x pro Woche.
        • Dauer: von 8 bis zu 12 Wochen
    • Vergleichsintervention: Einzel-Physiotherapie oder Trainingseinheiten.
    • Ergebnisse
      • Gruppentherapie und Einzeltherapie hatten vergleichbare Effekte auf Schmerzen (gemessen mit Pain Self Efficacy Scale, visual analog scale, back and leg pain scale).
    • Methodische Qualität: Das Review umfasste 6 randomisiert kontrollierte Studien zu Rückenschmerzen mit insgesamt 853 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR 2 wies das Review in vielen Bereichen methodische Schwächen auf, etwa bei der doppelten Datenextraktion, der Berücksichtigung des Einflusses von Verzerrungsrisiken in den eingeschlossenen Studien, den Methoden zur Datenanalyse, der Untersuchung von Publikationsbias und der Angabe potenzieller Interessenkonflikte und der Finanzierung des Reviews.
  • Heymans 2005: Systematische Übersichtsarbeit über Rückenschulen bei unspezifischen Schmerzen im unteren Rückenbereich
    • Patient*innen: 18 bis 70 Jahre, mit unspezifischen Schmerzen im unteren Rückenbereich.
    • Intervention
      • WER: Verschiedene Berufsgruppen (paramedizinische*r Therapeut*in oder Fachärzt*in)
      • WAS: Rückenschule mit edukativen Inhalten und Übungen in Gruppen (Gruppengröße unklar).
      • WO: ambulant oder in kommunalen Zentren
      • WIE OFT
        • Stunden pro Einheit: unklar
        • Frequenz: von alle 2 Wochen bis 5 x pro Woche.
        • Dauer: unklar
    • Vergleichsintervention: andere Behandlungen oder keine Behandlung: Übungen, Manipulation, myofasziale Therapie, Beratung, Placebo oder Wartelistenkontrollen.
    • Ergebnisse
      • Verglichen mit anderen Interventionen zeigte die Rückenschule überwiegend positive kurz- und mittelfristige Effekte auf die Schmerzintensität (VAS) bei chronischen Rückenschmerzen, jedoch keine langfristigen positiven Effekte. Für akute und subakute Rückenschmerzen waren die Ergebnisse inkonsistent.
      • Es gab begrenzte Evidenz (aus nur einer Studie), dass es hinsichtlich kurzfristiger Schmerzlinderung bei akuten oder subkauten Rückschmerzen keinen Unterschied gibt zwischen Rückenschule und keiner Intervention. Bei chronischen Rückenschmerzen waren die Ergebnisse inkonsistent.
    • Methodische Qualität: Das Review umfasste 19 randomisiert kontrollierte Studien und insgesamt 3.584 Patient*innen. Bewertet nach AMSTAR 2 wies das Review in einigen Bereichen methodische Schwächen auf, etwa bei der Erläuterung der Auswahl der Studienarten für den Einschluss und der Vollständigkeit der Berichterstattung von Studiencharakteristika der eingeschlossenen Studien. Zudem lag kein Vorab-Protokoll vor.
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Funktionsfähigkeit und Mobilitäts-Endpunkte: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung
  • Lemieux 2020: Systematische Übersichtsarbeit zu Wirksamkeit von Gruppenübungen bei chronischen Rückenschmerzen
    (Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Schmerz“)
    • Gruppenübungen und andere nicht-pharmakologische Einzelbehandlung hatten überwiegend vergleichbare Effekte auf Rückenschmerz-bedingte Beeinträchtigung (gemessen mit RMDQ, ODI, Quebec-Disability-Scale (wobei die Ergebnisse zwischen den eingeschlossenen Studien variierten und keine eindeutige Schlussfolgerung zuließen).
    • Gruppenübungen und andere nicht-pharmakologische Einzelbehandlung hatten überwiegend vergleichbare Effekte auf die Lendenwirbelsäulenbeweglichkeit.
  • Robertson 2014: Systematische Übersichtsarbeit zu individuellen versus gruppenbasierte Physiotherapie bei Schmerzen im unteren Rückenbereich
    (Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Schmerz“)
    • Gruppentherapie und Einzeltherapie hatten vergleichbare Effekte auf das Niveau der Beeinträchtigung (gemessen mit ODI, RMDQ, Quebec Back Pain Scale).
  • Heymans 2005: Systematische Übersichtsarbeit über Rückenschulen bei unspezifischen Schmerzen im unteren Rückenbereich
    (Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Schmerz“)
    • Verglichen mit anderen Interventionen zeigte Rückenschule überwiegend positive kurz- und mittelfristige Effekte beim Funktionsstatus (gemessen z.B. mit Roland Morris Disability Questionnaire or the Oswestry Disability Index) bei chronischen Rückenschmerzen. Bei akuten und subakuten Rückenschmerzen waren die Ergebnisse inkonsistent.
    • Verglichen mit keiner Intervention waren die Ergebnisse auch bei chronischen Rückenschmerzen inkonsistent.
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Lebensqualität & Angst vor Bewegung: Hinweise auf mit Einzeltherapie vergleichbare Wirkung der Gruppenbehandlung.
  • Lemieux 2020: Systematische Übersichtsarbeit zu Wirksamkeit von Gruppenübungen bei chronischen Rückenschmerzen
    (Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Schmerz“)
    • Gruppenübungen und andere nicht-pharmakologische Interventionen zeigten vergleichbare Effekte auf die Lebensqualität.
    • Bei Angst vor Bewegung/Schmerz waren die Ergebnisse aus drei Studien inkonsistent, mit Hinweisen auf keine Unterschiede zwischen den Gruppen.
  • Robertson 2014: Systematische Übersichtsarbeit zu individuellen versus gruppenbasierte Physiotherapie bei Schmerzen im unteren Rückenbereich
    (Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Schmerz“)
    • Gruppentherapie und Einzeltherapie hatten vergleichbare Effekte auf Lebensqualität (EQ-5D, SF-12, SF-36).
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Rückkehr zur Arbeit: Hinweise auf positive Wirkung der Gruppenbehandlung.
  • Heymans 2005: Systematische Übersichtsarbeit über Rückenschulen bei unspezifischen Schmerzen im unteren Rückenbereich
    (Nähere Beschreibung unter Endpunkt „Schmerz“)
    • Verglichen mit anderen Interventionen zeigte Rückenschule inkonsistente kurz- und mittelfristige Effekte bei der Rückkehr zur Arbeit bei akuten und subakuten Rückenschmerzen.
    • Verglichen mit keiner Intervention gab es begrenzte Evidenz (aus nur einer Studie), welche auf positive Effekte von Rückenschule auf die Rückkehr zur Arbeit bei aktuen und subakuten Rückenschmerzen hinweist. Bei chronischen Rückenschmerzen waren die Ergebnisse inkonsistent.
Spezifische Zielgruppen: Kein Hinweis auf positive oder negative Wirkung bei Kindern und Heranwachsenden.
  • Eine Systematische Übersichtsarbeit zu Rehabilitation von Rückenschmerzen bei Kindern und Heranwachsenden (Yu 2024) mit hoher methodischer Qualität (bewertet nach AMSTAR 2) enthielt nur 4 Studien zu Gruppen-Physiotherapie und lieferte inkonsistente Ergebnisse hinsichtlich Schmerzreduktion (teils positive, teils keine Effekte), und keine Verbesserung des Wohlbefindens oder der Einstellungen zu Schule und Leben sowie keinen Effekt auf Fehlzeiten beim Sport (Ergebnisse je aus nur einer Studie).

2. Akzeptanz von Gruppentherapie

Patient*innen: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Akzeptanz.

Therapeut*innen: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Akzeptanz.

3. Umsetzbarkeit von Gruppentherapie in der ambulanten Physiotherapie

Praktische Durchführbarkeit: Interpretation des Studienteams bez. Konsistenz der Patientengruppe und Passung der untersuchten Interventionen
  • Es wurden primär Erwachsene (>18 Jahre) untersucht und bis auf ein Review hatten alle eingeschlossenen Patient*innen Schmerzen im unteren Rückenbereich. Die Schmerzen waren überwiegend chronisch bzw. wiederkehrend.
  • Die untersuchten Interventionen waren heterogen, können aber nach Einschätzung des Studienteams in der Regel gut von Physiotherapeut*innen erbracht werden.

Tele-Fähigkeit: Die oben berichteten Publikationen ergaben keine Hinweise zur Telefähigkeit.